


Text: Leonie Werus
Foto: Fabian Mühleder
Innsbruck, September 2024
Was willst du, wenn du jeden Tag den Ozean siehst? Die Berge, natürlich! So zumindest Eduardo, der in den Tiroler Bergen einen einzigen großen Abenteuerspielplatz – und seine neue Heimat fand.
Unser Gespräch führen wir auf Englisch. Unbedingt notwendig wäre das nicht – Eduardo versteht die deutsche Sprache einwandfrei, hat schon Sprachkurse besucht, als er noch in Lissabon lebte. Doch unterhielten wir uns jetzt auf Deutsch miteinander, so behauptet Eduardo zumindest, wäre das so, als würde man mit einem Siebenjährigen sprechen. Was wohl nicht ganz der Wahrheit entspricht, aber wir belassen es dabei.
Die Leidenschaft fürs Klettern und die Alpen hat ihn dazu bewegt, Strand und Meer gegen die Berge einzutauschen. In Innsbruck fand er schließlich die perfekte Stadt dazu, und gleichzeitig eine, die komplett gegensätzlich zu seiner Heimat ist. „In Innsbruck steht der Sport im Mittelpunkt. Selbst im Büro sehen alle so aus, als würden sie nach der Arbeit noch mindestens drei Gipfel besteigen. In Lissabon dagegen gibt der Ozean den Takt vor, es geht ums Surfen und das Großstadtleben. Mir gefällt dieser Kontrast – auch wenn es anfangs wirklich verrückt war, wie viele Sportarten du hier in Innsbruck machen kannst.“ Dass Eduardo schon zu seiner Zeit in Portugal sportlich gewesen ist, half ihm dabei, in Tirol Anschluss zu finden. Trotzdem: ganz so einfach war er nicht, der Neustart ganz ohne vertraute Gesichter. „In Portugal ist die Mentalität eine andere. Dort triffst du jemanden am Strand und sitzt zwei Stunden später bei ihm zuhause am Abendbrottisch. Bei den Österreicher:innen dauert es oft seine Zeit, bis sie sich öffnen. Wenn man das nicht gewöhnt ist, fühlt man sich so an, als ob die Leute einen nicht mögen, aber in der Realität müssen sie
Ich versuche mir nicht zu viele Gedanken zu machen über Dinge, die ich nicht beeinflussen kann.
Seine Freundin ist Eduardo einige Monate später nachgefolgt, und so ist es neben der Familie vor allem das portugiesische Essen, das der 25-Jährige vermisst. Die ganze Tiefkühltruhe ist nach eigenen Angaben bis zum Anschlag gefüllt mit Pastéis de Nata, dem Inbegriff portugiesischer Konditorkunst. Seine Liebe zu Blätterteigtörtchen mit Puddingfüllung ist Eduardo nicht anzusehen – fast täglich nutzt er die vielseitigen Klettermöglichkeiten, die Tirol zu bieten hat. Vom Spaß und dem Adrenalin abgesehen, motiviert ihn sein Ehrgeiz und lässt ihn immer anspruchsvollere Schwierigkeitsgrade absolvieren. In Zukunft möchte er noch höhere Berge bezwingen, doch unnötige Risiken geht Eduardo keine ein. „Wenn ich mir dort oben ständig darüber Gedanken machen muss, was alles passieren könnte, ist das zu schade um jeden Moment, den ich nicht genieße. Hundertprozentig fokussiert zu sein und alles andere zu vergessen, was einem sonst als junger Mensch so im Kopf rumschwirrt, ist ein riesengroßes Privileg, besonders in der Welt, in der wir leben. Ich versuche mir allerdings generell nicht zu viele Gedanken zu machen über Dinge, die ich nicht beeinflussen kann.“
Wenn nicht mit Bergwänden, Kletterrouten und Sicherungseilen, dann beschäftigt er sich mit Codierung, Programmiersprachen – und jeglichen IT-Problemen seiner Freunde, die den Software-Entwickler nicht selten um Hilfe bitten. Aktuell schreibt Eduardo an seiner Masterarbeit und wird in seinem Job schon bald auf 40 Wochenstunden aufstocken. Dass ihm auch dann noch genügend Freizeit für seinen Sport bleiben wird, bezweifelt er keine Sekunde. Genauso wenig, dass er Tirol auch in Zukunft seinen Lebensmittelpunkt – und die Berge seine Heimat nennt.