


Text: Pauline Pichlmair
Foto: Bernhard Pocher
Innsbruck, September 2024
Nicht alles wie es scheint. Das weiße Licht der Bühnenscheinwerfern erhitzt Janas Haut. Die letzten Töne ihres Gesangs sind verklungen, ihre Kolleg*innen reihen sich neben ihr auf und unter tosendem Klatschen hallt der heiß ersehnte Applaus zu ihnen herauf. Doch Jana nimmt den Lärm kaum wahr. Ihre Augen wandern über das Publikum, aber sie kann kaum etwas erkennen.
Gänsehaut überzieht ihre empfindliche Haut und der einzige Gedanke, den sie unter dem Dröhnen in ihrem Kopf finden kann, ist: „Jetzt nicht übergeben“. Mit dem Ende der Show beginnt eine Abfolge von Ereignissen, an die sie sich nur noch schemenhaft erinnern kann: Augen abdecken. Wärmflasche an die Füße. Kühlakku auf den Kopf. Mama kontaktieren. Tage lang ins Bett. Eine weitere Vorstellung in diesem Zustand ist undenkbar. Wann die Migräneattacke nachlassen wird, weiß sie nicht und auch die Ärzte wissen kaum etwas über die unsichtbare Krankheit, die Janas Traum vom Leben auf der Bühne gefährdet. Das ist die Realität der Innsbrucker Musicaldarstellerin – ein Künstlerinnenleben mit Migräne.
Der Traum von der Bühne
Als Kind war sie Gast im Musical Elisabeth. „Mama, genau das möchte ich mal machen“, verkündete sie damals, und genau so kam es. Als Mädchen begann sie neben der Schule mit Tanz- und Gesangsunterricht. Immer wieder musste Jana Schule, Training und Proben aber ausfallen lassen, weil ihre täglichen Kopfschmerzen die Kontrolle über ihren Körper übernahmen.
Ich bin oft so genervt von meinem Körper. Zum einen lässt er mich meinen Traum leben, und zum anderen macht er mir das Leben einfach schwer.
Einer muss weichen
Trotz der Herausforderungen, Ratlosigkeit und Scham, die mit einer unsichtbaren Krankheit einhergehen, lässt Jana nicht zu, dass die Migräne die Macht über ihre Träume gewinnt und ergattert so einen Studienplatz an der renommierten International College of Musical Theatre in London. Dort studiert die Innsbruckerin Musical und schnuppert internationale Bühnenluft. Mit der Rückkehr nach Österreich erobert sie ihr erstes professionelles Engagement beim Operettensommer in Kufstein. Dort tritt sie mehrere Wochen am Stück auf und der Traum der Musicaldarstellerin scheint nicht nur zum Greifen nah, sondern tatsächlich greifbar – bis die Migräne ihren Traum fast wieder beendet. Nach Krankenhausaufenthalten und verschiedenen Behandlungsmethoden ist die Diagnose: chronische Kopfschmerzen und Migräne. Die Aussicht auf Heilung ist gering, aber eines ist Jana klar: „Beide (Musical und Migräne) können auf Dauer nicht koexistieren. Einer muss weichen, und komme was wolle, es wird nicht das Musical sein.“
Janas Migräne ist ein existenzieller Teil ihres Lebens und macht ihr eine Karriere auf der Bühne nicht leicht. Ein großes Anliegen der Darstellerin ist es, mehr Aufmerksamkeit auf die Krankheit zu lenken, mehr Sichtbarkeit und damit auch mehr Verständnis zu erlangen. Sie will sich und ihren Zustand nicht verstecken, will sicherstellen, dass sie gesund und möglichst schmerzfrei auftreten kann. Das alles ist zwar noch ein langer Prozess, aber ihre Geschichte zu teilen, ist ein Anfang.